E-Scooter in Deutschland

Ein Mobilitätsfluch oder -segen?

Seit Juli dieses Jahres haben E-Scooter (hier auch: Elektroroller) mehrere deutsche Großstädte erobert. Prompt überhäuften sich in den Medien zahlreiche Artikel über Regelverstöße und Unfälle im Straßenverkehr. Bis heute sind vielen Nutzer*innen die Regeln immer noch nicht bekannt. Das Leihangebot verschiedener Hersteller und die Überflutung von Elektrorollern an jeder Straßenecke galt für viele als überraschend. Nach der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV) vom 15. Juni 2019 sind „elektrisch betriebene Fahrzeuge ohne Sitz und selbstbalancierenden Fahrzeuge“, sprich E-Scooter, im öffentlichen Straßenverkehr erlaubt. Nach etwa zwei Monaten kann nun Bilanz gezogen werden, ob die Roller tatsächlich zur Verkehrswende beitragen können, oder ob sie, wie bereits schon in den Medien betitelt, als Umweltsünder gelten. Wir klären in diesem Artikel wichtige Fragen rund um die Elektroroller.


 

What the Fact: E-Scooter in Deutschland

In Deutschland bieten vier Verleihdienste in mehreren Städten E-Scooter an: Es handelt sich um TierCirc, Lime und Voi. Über Registrierung per App auf dem Smartphone kann man sich in kürzester Zeit und ganz leicht einen Scooter leihen. Die Preise für eine erfahrt erstrecken sich von 15 bis 25 Cent die Minute und zusätzlich 1€ Grundgebühr pro Ausleihe. Bezahlt wird entweder mit Kreditkarte oder PayPal. Schnell wird klar, dass es sich um keine kostengünstige Variante handelt. Nach einfacher Anmeldung kann die Fahrt also losgehen. Allerdings sind genauso wie beim Rad- oder Autofahren wichtige Regeln zu beachten. Der ADAC hat diese hier übersichtlich zusammengefasst.


Vorteile der E-Scooter: Leicht, leise und umweltfreundlich!

Die nach der Verordnung sogenannten Elektrokleinstfahrzeuge sind einfach und kurz gesagt „leicht, leiste und umweltfreundlich“ und sollen als Lösung für erhöhte Luftverschmutzung und zu hohen CO2-Ausstoß durch Kraftfahrzeuge dienen. Der größte Vorteil gegenüber konventioneller benzinbetriebener Fahrzeuge im Straßenbetrieb ist der elektrische und geräuscharme Antrieb – und das damit verbundene abgasfreie Fahren (Vgl. Bundesregierung 2019). Somit verfolgt die Bundesregierung mit diesem Konzept das Voranschreiten einer innovativen sauberen Mobilität in unseren Städten. Im Gegensatz zu Motorrollern sind sie klein und lassen sich zusammengeklappt überallhin mitnehmen. Im Vergleich zu einem Elektroauto hat ein E-Scooter bei einer Kilowattstunde Strom eine Reichweite von 100km, gegenüber 6km beim E-Auto (Vgl. Wilke 2019). Auch in puncto CO2-Verbrauch überzeugen die Elektroroller im Alltag gegenüber anderen Fahrzeugen: Beim aktuellen deutschen Strommix beträgt bei einer 100km-Strecke der CO2-Ausstoß eines E-Scooters nur 1/20 gegenüber eines benzinbetriebenen Kleinwagens. Über die Möglichkeit des Leihangebotes trägt man zudem selbst keine Verantwortung über Wartungs- und Zubehörkosten, sodass lediglich die Nutz- und Fahrkosten anfallen.


Nachteile der E-Scooter: Doch nicht so umweltfreundlich?

Trotz der positiven Anhaltspunkte ist mit Blick auf die Umweltfreundlichkeit insbesondere auf die allgemeine Ökobilanz der E-Scooter zu blicken. In unserem Artikel über Elektroautos haben wir bereits darauf verwiesen, dass es darauf ankommt mit welchem Strom elektrobetriebene Fahrzeuge geladen werden. Ein mit Atom- oder Kohlestrom geladenes Fahrzeug trägt im Betrieb nicht zu einer positiven Ökobilanz im Straßenverkehr bei. Genau so gilt dies bei den E-Scootern. Die Anbieter Tier, Circ und Lime gehen bislang unterschiedlich auf diese Frage ein. Lediglich Lime gibt an, seine E-Scooter mit 100 Prozent Ökostrom zu laden.

Der größte Nachteil und auch Knackpunkt in der Debatte um den Mobilitätsfluch oder –segen ist der Akku. Der Akku gilt als das Bauteil, welches über einen längeren Zeitraum im Sinne der Nachhaltigkeit und Ökobilanz bewertet werden kann. Bei den Akkus handelt sich um Lithium-Ionen-Akkus, deren Herstellung sehr energieintensiv ist. Sie enthalten seltene Rohstoffe, wie Kobalt, Nickel, Kupfer, Aluminium und andere kritische Rohstoffe. Ihre Gewinnung geht häufig mit hohen Belastungen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt einher. Gerade in Afrika und Südamerika erfolgt der Abbau von Kobalt bzw. Lithium nicht immer umwelt- und menschengerecht. Aber auch für die Mitarbeiter*innen der Verleihdienste, die sogenannten „Juicer“ liegen nach erstem Stand keine gerechten Bedingungen vor. Die formal Selbstständigen sammeln die Roller mit leeren Akkus ein und tragen jegliche Kosten, wie das Aufladen der Scooter und die Benzinkosten für den Transporter selbst. Mit welchem Strom die Roller geladen werden, spielt zunächst keine Rolle. Auch hier müssen die Verleihdienste ihre Konditionen, gerade in puncto Arbeitsbedingungen nachbessern. Zuletzt ist der Faktor der Lebensdauer der Akkus zu nennen. Je früher die Akkus kaputtgehen, desto schlechter ist ihre CO2-Bilanz. Hier gilt es noch abzuwarten, was erste Berechnungen bezüglich der Lebensdauer der E-Scooter in Deutschland zeigen.


Was passieren muss , damit E-Scooter auf unseren Straßen umweltfreundlicher werden

Damit die E-Scooter tatsächlich zur Verkehrswende beitragen können, sind einige Punkte zu veränderungsbedürftig. Es fängt schon bei der Herstellung an: Da ein Großteil der Scooter in China produziert werden, ist davon auszugehen, dass bei der Herstellung Kohlestrom genutzt wird. Aber auch hier in Deutschland ist es im Zuge der Aufladung der Akkus nach aktuellem Strom-Mix nicht besser. Erst durch 100% Ökostrom beim „juicen“ fallen keine Emissionen an. Um auch den CO2-Kosten beim Aufladen – welche beim Transport der Juicer anfallen – zu entgehen, wären austauschbare/mobile Akkus sinnvoll. Zusammengefasst machen E-Scooter erst dann Sinn, wenn sie das Auto oder Motorrad ersetzen. Aktuell sind sie allerdings nur eine Ergänzung für den Verkehr, verbrauchen in der Herstellung viel CO2 und reduzieren aufgrund fehlender Attraktivität und Kosten nicht den Autoverkehr.

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Quellen